Forschungsgipfel 2019: Deutsche KI-Strategie braucht agile Politik

Expertenkommission Forschung und Innovation fordert: KI-Kompetenzzentren an Standorten mit bestehenden KI-Ökosystemen aufbauen, wissenschaftliche Nachwuchskräfte und Start-ups fördern sowie europäische Kooperation stärken – Umsetzung der deutschen KI-Strategie muss beschleunigt werden

Berlin, 18. März 2019 – In einem Impulsreferat zur Eröffnung des Forschungsgipfels 2019 zum Thema „Künstliche Intelligenz“ (KI) fordert der Vorsitzende der Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI), Prof. Dietmar Harhoff, dass „neben der konkreten Frage nach der Rolle von KI dringend auch die Frage zu stellen ist, wie die Forschungs- und Wirtschaftspolitik in Zukunft dynamischer und agiler werden kann – oder wie neue Organisationsstrukturen aussehen können, denen dies besser gelingt.“ Prof. Harhoff hält die Geschwindigkeit in der Umsetzung der deutschen KI-Strategie für entscheidend: „Wenn deutsche Großunternehmen – auch nicht immer Aushängeschilder für Agilität – mit Akzeleratoren und anderen Instrumenten experimentieren, um schneller zu werden, muss schließlich auch die Frage erlaubt sein, wo die Akzeleratoren der deutschen Politik stecken.“
Seit 2015 versammelt der Forschungsgipfel jährlich rund 400 hochrangige Entscheider, Experten, Vordenker und Newcomer aus Wirtschaft, Wissenschaft, Zivilgesellschaft und Politik, um gemeinsam Antworten auf große Fragen der Forschungs- und Innovationspolitik zu finden. Zu den Veranstaltern gehört neben dem Stifterverband für die Deutsche Wissenschaft und der Nationalen Akademie der Wissenschaften Leopoldina auch die EFI.

Der Forschungsgipfel 2019 steht ganz im Zeichen der Künstlichen Intelligenz (KI). Mit KI werden Verfahren, Algorithmen und technische Lösungen beschrieben, die es erlauben, bisher von Menschen ausgeführte komplexe Vorgänge auf lernende Maschinen und Software zu übertragen. Verfahren der KI können heute bereits erfolgreich bei der Bild- und Spracherkennung, Steuerung autonomer Systeme in Haushalt und Industrie, medizinischen Diagnostik und zunehmend beim autonomen Fahren eingesetzt werden. Prof. Harhoff betont in seinem Vortrag die Bedeutung der neuronalen KI, die seit 2012 erheblich an Bedeutung gewonnen habe: „Als Auslöser für die fulminante Entwicklung der neuronalen KI gelten Durchbrüche bei der Verbesserung der Präzision und Geschwindigkeit von Algorithmen zur Bilderkennung. Diese und andere Erfolge bereiteten den Weg für den Siegeszug neuronaler KI für eine Vielzahl von Anwendungen.“
Trotz der beeindruckenden Leistungsfähigkeit bei spezifischen Aufgaben sind diese Systeme nach Ansicht der Expertenkommission noch weit von den Möglichkeiten menschlicher Intelligenz entfernt, sie seien eher „Vorhersagemaschinen“, so Harhoff. Dennoch können sie bereits in naher Zukunft erhebliche wirtschaftliche Bedeutung erlangen. Eine Studie konstatiere allein für Deutschland bis 2030 einen Zugewinn des BIP von ca. 10 Prozent. „Anders gesagt: Es geht also – für das Jahr 2030 – darum, etwa 400 Milliarden Euro mehr an Inlandsprodukt zu haben oder nicht. Das sollte Anreiz genug sein, über kluge Pläne nachzudenken und vor allem zu investieren.“
Nationale KI-Strategien wurden seit 2016 von den USA, China, Frankreich, Großbritannien, Finnland, der Europäischen Union sowie weiteren Ländern vorgelegt. Die deutsche „Strategie Künstliche Intelligenz“ wurde im November 2018 von der Bundesregierung verabschiedet. Die Experten-kommission begrüßt, dass die Bundesregierung dieser wichtigen Technologie mit einem Mitteleinsatz von drei Milliarden Euro bis 2025 eine erhebliche Förderung zukommen lassen will, wenngleich nach neuen Presseberichten, so Harhoff kritisch, die Finanzierung anscheinend noch nicht geklärt ist.

Die derzeitige Fassung der KI-Strategie hat nach Ansicht der Expertenkommission aber einen „erheblichen Weiterentwicklungsbedarf, da sie in vielen Punkten vage bleibt. Vor allem bedarf es eines Implementierungsplans mit klar definierten Zielvorgaben“. Die Experten sehen die Absicht der Bundesregierung mit Skepsis, mindestens zwölf deutsche KI-Kompetenzzentren aufzubauen. Die Bundesregierung sollte die veranschlagten Mittel vor allem zur Stärkung der bereits bestehenden KI-Standorte verwenden, „um leistungsfähige und international sichtbare KI-Ökosysteme zu schaffen“.

Um die Expertise europäischer KI-Fachleute effektiver zu nutzen, sei eine verstärkte europäische Kooperation, so Harhoff abschließend, „essenziell – vielleicht benötigen wir im Bereich der KI-Forschung Einrichtungen wie das European Molecular Biology Laboratory (EMBL). Mit einer solchen intergouvernementalen Organisationsform ließe sich auch nach einem Brexit eine intensive Kooperation europäischer Länder realisieren und somit ein Gegengewicht zu den Wettbewerbern China und USA aufbauen.“

Die vollständige Pressemitteilung können Sie hier downloaden.