Tagesspiegel Background Digitalisierung & KI: Im Portrait Uwe Cantner

Ein ostdeutscher Ökonom übernimmt den Vorsitz der renommierten Expertenkommission Forschung und Innovation (EFI) – und prompt wird im ersten Gutachten unter seiner Ägide das Thema „Innovationsstandort Ostdeutschland“ ausführlich analysiert. Ein Richtungswechsel?

Uwe Cantner lacht. „Nein, die Themen für unser neues Gutachten hat noch die alte Kommission festgelegt“. 30 Jahre nach der Wiedervereinigung solle aus diesem Anlass einmal bilanziert werden, ob und wie die Innovationsförderung zu blühenden Wirtschaftslandschaften geführt hat. 

Heute übergibt der Wirtschaftsprofessor an der Uni Jena zusammen mit den übrigen fünf Kommissionsmitgliedern das EFI-Jahresgutachten an Bundeskanzlerin Angela Merkel. Seit 2008 lässt die Bundesregierung von einer Gruppe unabhängiger Volks- und Betriebswirtschaftsprofessoren in jährlichem Turnus die „Stärken und Schwächen des deutschen Innovationssystems im internationalen und zeitlichen Vergleich“, so der Untersuchungsauftrag, unter die Lupe nehmen. 

In diesem Jahr geht es neben Ostdeutschland auch um die brisanten Themen Cybersicherheit und den Wissenstransfer mit China. Unter ihrem langjährigen Gründungsvorsitzenden Dietmar Harhoff vom Münchner Max Planck-Institut für Innovation und Wettbewerb hat sich die EFI-Kommission ihr Renommee als kritischer Kommentator staatlicher Forschungspolitik erworben, deren Stimme in der Regierung Gewicht hat.

Beständige Betonung der Digitalisierung

„Die EFI hat wichtige Entwicklungen angestoßen“, sagt Cantner, der im Mai den Vorsitz der Kommission übernahm, der er seit 2015 angehört. Als Beispiele nennt er die rechtlichen Voraussetzungen für den Aufbau eines bundeseinheitlichen E-Governments, die Einführung einer Wissenschaftsschranke im Urheberrecht oder das „Ceterum Censeo“ für die steuerliche Forschungsförderung, die im vorigen Jahr dann Gesetz wurde. „Auch unsere beständige Betonung der Digitalisierung mit ihren Auswirkungen“, ist Cantner überzeugt, „hat zu einer deutlich stärkeren Ausrichtung der BMBF-Förderung auf digitale Themen geführt“.

An der Friedrich-Schiller-Universität Jena hat Cantner seit dem Jahr 2000 den Lehrstuhl für Volkswirtschaftslehre/Mikroökonomik inne. Zugleich ist er Vizepräsident der Uni und in dieser Funktion für den wissenschaftlichen Nachwuchs und die Gleichstellung zuständig. Vorher promovierte der Volkswirt an der Ludwig-Maximilians-Universität in München und habilitierte sich an der Uni Augsburg. Gerade am Innovations-Hotspot Jena sieht er täglich Beispiele für sein Spezialgebiet, die „Innovationsökonomie“, oder: wie Erfindungen und Neuerungen zur Prosperität von Unternehmen und Regionen beitragen. „Die Experimentierfreude liegt den Menschen hier im Blut“, stellt er fest. In Innovationsrankings belegt die Zeiss-Stadt regelmäßig vordere Plätze.

Auf Innovationen setzen statt Jobs erhalten um jeden Preis 

Mehr denn je komme es darauf an, Innovation für die internationale Wettbewerbsfähigkeit einzusetzen. Betrübt schaut Cantner dabei auf den Kurs der deutschen Automobilbranche, die sich sehr spät für neue Antriebstechniken und Servicemodelle geöffnet habe. „Auf Teufel komm raus Jobs zu erhalten, in Bereichen, wo ich merke, dass der Weltmarkt schon entschieden hat, das ist der größte Fehler, den ich machen kann“.

Zwar sei der Anteil der Ausgaben für Forschung und Entwicklung am BIP in Deutschland inzwischen auf 3,13 Prozent gestiegen. Von dieser Zahl dürfe man sich aber nicht blenden lassen: „Wir wissen nicht, wohin genau das Geld fließt“, benennt Cantner einen blinden Fleck der Innovationsökonomie

An Themen für die weitere Arbeit der Kommission mangelt es nicht. „Wir haben schon eine lange Liste zusammengestellt“, verrät Cantner. Ein Schwerpunkt solle dabei in Zukunft auf der „Kombination von Innovation und Nachhaltigkeit“ liegen. Manfred Ronzheimer


Der Artikel ist am 19.02.2020 im Tagesspiegel Background Digitalisierung und KI erschienen.